Der Weg zu einem CO₂-neutralen Transport

Von Martin Daum, Vorsitzender des Vorstands der Daimler Truck AG und Vorstandsmitglied der Daimler AG.

Transport und Logistik halten die Welt in Bewegung und haben den Wohlstand von Milliarden Menschen rund um den Globus überhaupt erst möglich gemacht. Das Transportvolumen in den OECD-Ländern, in China und in Indien erreicht rund 15 Billionen Tonnen-Kilometer pro Jahr und wird weiter ansteigen. Unsere Branche ist also unglaublich erfolgreich – und genau dieser Erfolg ist nun unsere zentrale Herausforderung.

Denn in dieser Dimension kann Transport mit den bisherigen Antriebstechnologien auf Dauer nicht nachhaltig funktionieren. Für mich steht deshalb außer Frage: Wir müssen den Transport dekarbonisieren – und wir müssen diese Dekarbonisierung als die Mondmission unserer Branche begreifen. Auch bei der Apollo-Mission war das Ziel, das John F. Kennedy seinerzeit vorgegeben hatte, extrem ambitioniert. Trotzdem wurde das scheinbar Unmögliche möglich, weil das Apollo-Team konsequent von diesem Ziel her gearbeitet und alles zusammengebracht, was notwendig war, um dieses Ziel zu erreichen. Genau diese Haltung brauchen wir nun auch bei der Dekarbonisierung des Transports.

Drei Fakten werden für eine erfolgreiche Mission entscheidend sein:

Erstens attraktive CO₂-neutrale Lkw – und hier sind wir als Hersteller gefordert, diese in den kommenden Jahren zu liefern. Europa will bis 2050 CO₂-neutral sein und so muss es auch die Ambition unserer Branche sein, den Transport bis 2050 CO₂-neutral zu machen. Weil es etwa zehn Jahre dauert, die Flotten komplett zu erneuern, bedeutet das: Ab 2039/2040 dürfen nur noch CO₂-neutrale Neufahrzeuge auf den Markt kommen.

Grundsätzlich gibt es zu Diesel mehrere Alternativen: Batterie, Brennstoffzelle und Erdgas. Erdgas-Antriebe stoßen allerdings ebenfalls CO₂ aus und wären auf dem Weg zu einem CO₂-neutralen Transport nur eine teure Übergangstechnologie. Es lohnt sich deshalb nicht, sie weiterzuverfolgen. Wirklich CO₂-neutraler Transport funktioniert nur auf der Basis von CO₂-neutralen Antrieben und ich bin überzeugt, dass Batterien und Brennstoffzelle sich sehr gut ergänzen werden.

In beide Antriebsarten wird unsere Branche in den kommenden Jahren erheblich investieren. Batterie-elektrische Serienfahrzeuge werden sich schon in der ersten Hälfte der 2020er Jahre auf dem Markt etablieren. Bei Brennstoffzellen auf Wasserstoffbasis wird es in der zweiten Hälfte der 202er Jahre so weit sein.

Der zweite zentrale Fakt auf dem Weg zu einem nachhaltigen Transport lautet:

Auch 2040 werden die Anschaffungs- und Gesamtbetriebskosten von CO₂-neutralen Lkw aller Voraussicht nach noch höher sein als bei Diesel-Lkw. Sie werden sich aber nur auf dem Markt durchsetzen, wenn unsere Kunden damit wirtschaftlich arbeiten können und keine Nachteile haben.

Der dritte entscheidende Punkt hin zu einem CO₂-neutralen Transport ist somit:

Um CO₂-neutrale Lkw wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu machen, brauchen wir staatliche Lenkungseingriffe. Die Maßgabe muss sein: CO₂-neutraler Transport darf – gemessen in Cent pro Kilometer – nicht mehr kosten als Diesel-basierter Transport.

Die Kostennachteile müssen ausgeglichen werden und ich appelliere an die Politik, diesen Ausgleich über geeignete Initiativen herbeizuführen. In Europa beispielsweise wäre es dringend geboten, lokal emissionsfreie Lkw bei der Maut signifikant besser zu stellen als herkömmliche Lkw. Für erdgasgetriebene Lkw, die im Fahrbetrieb eben nicht CO₂-neutral sind, sollte dieser Anreiz hingegen nicht gelten.

Eine weitere ordnungspolitische Aufgabe ist der Aufbau der notwendigen Infrastruktur: Hier geht es vor allem um eine flächendeckende Lade-Infrastruktur mit ausreichender Kapazität, bei der die Politik eine Anschubhilfe leisten muss – und zwar konzeptionell und finanziell.

Wichtig ist, dass wir die Infrastruktur für schwere Nutzfahrzeuge auslegen – also beispielsweise nicht nur für gasförmigen, sondern auch für flüssigen Wasserstoff. Und wichtig ist auch, dass wir den Begriff Infrastruktur nicht zu eng fassen: notwendig sind beispielsweise auch einheitliche Zulassungsregularien.

Die drei zentralen Fakten auf dem Weg zu einem CO₂-neutralen Transport sind zweifellos eine Herausforderung – und deshalb müssen wir sie umso entschlossener angehen, und zwar hier und jetzt. Klar ist, dass all dies zu steigenden Preisen führen wird. Der Umstieg auf CO₂-neutrale Antriebe wird den Transport und die Logistik verteuern und damit auch Waren aller Art. Darauf müssen wir uns alle einstellen – als Industrie, aber auch als Gesellschaft. Das ist der Preis für eine gute Zukunft und wer sagt, diese sei umsonst zu haben, der führt in die Irre.

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